AlbGold Trophy 2017 – das Rennen, das nie stattfand

Ich neige manchmal zu unüberlegten Handlungen. In der Regel in Verbindung mit Essen. Nämlich, dass ich zu viel davon zu mir nehme. Manchmal beziehen sich die unüberlegten Handlungen aber auch auf mein sportliches Leben. Und ja, man muss es so platt sagen: Als die Einladung zu AlbGold Trophy in mein Postfach an der Arbeit flatterte, setzten wohl mal wieder ein paar Hirnwindungen bei mir aus…

Blauäugig

Die Firma übernimmt also einen Freistart beim Mountainbike-Rennen – Distanz egal. Alle anderen Kollegen die mitmachen, fahren die 88-km-Strecke, also natürlich auch der Fuchs. Wäre ja noch schöner! Immerhin noch vier Wochen Zeit zum Trainieren, das wird reichen. Allerdings saß ich seit der Challenge Roth nicht mehr wirklich oft auf dem Rad und mit der Trainingsdisziplin haperte es generell. Aber gut, ich werds schon noch in den Beinen haben.

Natürlich verging die kurze Zeit ohne merkliche Trainingszunahme. Zwei bis drei Radeinheiten in der Woche mit maximal zwei Stunden Fahrtzeit. Mehr ist nicht. Mountainbike-Ausfahrten? Genau Zero. Null. Keine einzige.

Bis eine Woche vor dem Wettkampf, denn erst da habe ich mir das Leihrad von Fuchsfreund Tobi geholt – ein schönes 26er… Schließlich müssen die anderen ja auch noch eine Chance haben 😉 Eine kleine Runde zum Eingrooven muss reichen – aber der Trailanteil soll ja ohnehin nicht so hoch sein. Wird schon schief gehen…

Ein Fuchs auf’m Mountainbike

Und dann war es soweit. Am Morgen des 01.10.2017 mache ich mich zusammen mit Arbeitskollege Felix vom schönen Wannweil aus auf in Richtung Münsingen, dem Start und Ziel der AlbGold Trophy.

Etwa eine Stunde vor dem Start sind wir vor Ort und haben unsere Startunterlagen geholt Рinklusive eines sch̦nen roten Langarm-Trikots. Die restlichen Kollegen sind auch schon da und gemeinsam vertreiben wir uns die Zeit bis zum Start.

Es sind noch wenige Minuten bis es endlich los geht. Entspannt sitzen wir im Sattel, frotzeln noch etwas herum und fragen uns, wann eigentlich der erste Verpflegungspunkt kommt. „Bei KM 25“ heißt es. Ich verlasse mich drauf und hoffe, die erste Stunde (sic!) ohne Essen überstehen zu können.

Der Startschuss ertönt und es geht los. Erstmal bergauf. Ich trete ordentlich in die Pedale und überhole wo ich kann. Ganz schön eng zwischen den ganzen dick bereiften Bikes, die sonst so gar nicht meine Welt sind.

Es gelingt mir immer mehr Plätze gut zu machen. Die Beine fühlen sich gut an und soweit macht es sogar Spaß. In rasantem Auf und Ab düsen wir über die Felder und Wiesen der schwäbischen Alb. Die Sonne bricht langsam durch und taucht die bewaldeten Abschnitte der Strecke in ein schönes Licht. Das Feld ist derweil entzerrt und so bleibt mir genug Zeit, die Szenerie etwas zu genießen und ein paar Fotos zu machen.

Hunger macht sich breit

Nur wo bleibt diese verfluchte Verpflegungsstelle. Natürlich komme ich deutlich langsamer voran als prognostiziert. Und ja, so langsam macht sich der Hunger breit. Eine Stunde ist vergangen und noch nicht mal 20 km voll. Naja, immerhin nur noch fünf Kilometer bis zur Verpflegung. Die schaffe ich jetzt auch noch. Zwischenzeitlich kommt die erste knifflige Passage ins Spiel.

Es geht auf einer Wiese steil bergab und dann scharf rechts. Während ich und die meisten anderen schieben, versucht es immerhin ein Mitstreiter. Er bekommt allerdings die Kurve nicht und landet schnurstracks im Gebüsch.

Etwa 20 min später zeigt die Uhr die 25 auf der Kilometeranzeige. Weit und breit kein VP und der Magen grummelt. Na toll, habe ich mich jetzt schon verzockt? Es geht relativ entspannt weiter – geradezu kräfteschonend, worüber ich sehr dankbar bin.

Und dann endlich: Beim KM 30 kommt endlich die erste Labstation in Sicht. Und es gibt Hefezopf. Mit Rosinen. MIT ROSINEN – geilomat. Ich schiebe mir zwei Stücke hinter die Kiemen und spüle sie mit einem Schluck Isodrink runter, bevor ich mich nach einer kurzen Pause wieder in den Sattel schwinge.

Frisch gestärkt geht es erstmal wieder bergauf. Im kleinsten Gang. Und ständig die Frage: Soll ich absteigen? Den Berg kann ich locker schneller hochjoggen als ich aktuell fahre. Hach, jetzt den Crosser unterm Hintern, das wärs.

Doch was dann kommt, übersteigt meine kühnsten Träume. Ein Hang. Steil. Matschig. Nicht mal im Ansatz fahrbar. Also runter vom Rad und hoch schieben. Es ist sehr rutschig und ich mache gefühlt einen Schritt nach vorne und zwei zurück. Ich ertappe mich bei dem Gedanken, das Rad einfach in die Ecke zu werfen und aufzugeben. Aber ein DNF ist für dieses Jahr genug.

Mit dem Kopf fahren

Also weiter. Es wird zunehmend wärmer und ich ziehe meine Windjacke aus. Knielinge und Armlinge müssen ausreichen. Die wellige Strecke zerrt an meinen Reserven und je weiter ich fahre, umso anstrengender wird es. Ich weiß, dass bei KM 50 die nächste Verpflegung wartet. Das hält die Moral oben.

Die Streckenmarkierung ist top – wenigstens laufe ich so nicht Gefahr, mich zu verfahren. Ein kleiner Trost. Und so ziehen die Kilometer vorbei während meine Laune nicht unbedingt wächst. Trotz des schönen Wetters und der guten Stimmung, die die Helfer auch am zweiten Verpflegungspunkt machen.

Ein weiteres Stück Hefezopf sorgt für Aufhellung der trüben Gedanken und auf Nachfrage bekomme ich mitgeteilt, dass sogar noch ein dritter VP bei KM 70 auf uns wartet. Wieder nur 20 km, die über Wald- und Forstwege führen und zwischendurch auch immer mal wieder über Asphalt. Über jedes Stück des grauen, harten Untergrunds bin ich froh, denn hier kann ich endlich Tempo machen.

Ich zähle inzwischen die Kilometer herunter. Sie wollen und wollen nicht vergehen. Immerhin – ich nähere mich der 70. Die teils sehr matschigen Wege bringen mich immer wieder ins Schlingern. Im Gegensatz zu anderen Startern, die schon zur Hälfte braun sind, bleibe ich heute nur durch zahlreiche kleine Spritzer verdreckt. Ein Sturz bleibt mir erspart.

Und da ist er wieder. Mein schnell liebgewonnener Hefezopf. Nom nom nom. An der letzten Verpflegung lasse ich es mir nochmal gut gehen. Ruhe mich aus, trinke, esse und atme tief ein. Noch 18 km und es ist durchgestanden.

Get it done

Erst muss ich nochmal die Zähne zusammen beißen, denn es geht erstmal wieder hoch. Im Schritttempo quäle ich mich langsam bergauf und hoffe, dass es sich dann gleich erledigt hat. Und meine Hoffnung ist groß, denn ich pedaliere auf die 1500 Höhenmeter zu, die ich im Kopf als maximale Zahl an kumulierten Höhenmetern bergauf gespeichert habe.

Es folgt ein langer Downhill. Und es sind mehr absteigende als aufsteigende Höhenmeter auf der Uhr. Ich k****. Entschuldigt mir diese Formulierung, aber zu diesem Zeitpunkt habe ich einfach keine Lust mehr.

Es hilft nichts. Ich fahre ohnehin nur noch mit dem Kopf. Also nochmal hoch und runter. Diesmal sogar technischer. Es gibt Trails. Wow. Auf den letzten fünf Kilometern gefühlt mehr, als auf der gesamten restlichen Strecke. Das soll wahrlich keine Kritik sein, die Strecke selbst war landschaftlich schön. Ein paar mehr solcher Wege hätten aber durchaus für mehr Reiz gesorgt.

Und zum krönenden Abschluss steht noch eine Runde durch den Bike-Park auf dem Programm. Wie war das nochmal mit der Kür? Als ich endlich durch den Zielbogen fahre, bin ich einfach nur erleichtert. Endlich hat die Tortur ein Ende. Und ich muss nach knapp fünf Stunden, 88 km und 1600 (!) Höhenmetern für mich feststellen, dass Moutainbiken einfach nicht mein Sport ist.

Epilog

Nachdem meine Kollegen und ich uns wieder gefunden und die Bikes mit dem Hochdruckreiniger gesäubert haben, sitzen wir bei Getränken und Essen im Zelt zusammen und beklagen das harte Rennen. Sven stellt schließlich die Frage nach Zeit und Platzierung.

Ich stehe auf und trotte zu den Ergebnislisten. Mein Blick wandert vom ersten auf zweite, vom zweiten aufs dritte, vom dritten aufs vierte Blatt. Fünf. Sechs. Wo zur Hölle… Am Anfang des siebten Blattes steht dann schließlich mein Name. Platz 367. Nur ein achtes Blatt hängt noch daneben. Mit wenigen Namen. Insgesamt 415 Finisher. Nicht unbedingt meine beste Platzierung. Die anderen hat es noch schlimmer erwischt.

Resignierend und mit leichten Anflügen von Galgenhumor stecken wir die Köpfe zusammen. Diese Information darf nie an die Öffentlichkeit gelangen. Dieses Rennen hat nie stattgefunden!

Noch während wir uns einschwören, kommt plötzlich eine ältere Dame vorbei. Das Kuchenbuffet wird aufgelöst und es gibt ein Stück aufs Haus. Na also. Geht doch! AlbGold Trophy, wir sehen uns 2018…

Jörn

Jörn

... mag Kuchen, treibt liebend gerne Ausdauersport und ist vor allem im Triathlon beheimatet. Hat Ernährungswissenschaften studiert und ist das schlechteste Vorbild, wenn es um Essen geht. Und sonst: Berge, Trails, Schnee.
Jörn
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2 Comments

  1. Tom sagt:

    Während ich das so lese, muss ich mich an ein Skitourenrennen vor ein paar Jahren erinnern. Da stand in der Ausschreibung „für Profis und Jedermann“. Es waren dann auch 5 Jedermänner da – neben den 300 Profis im Rennanzug. So schleppte ich meine Wayback mitsamt Fritschi Rahmenbindung aufs Kitzsteinhorn und war am Ende froh, dass noch wenigstens drei andere hinter mir waren.

    • Jörn sagt:

      Ha, ganz genau so kam ich mir hier auch vor 😀 Mal sehen, obs mir bei meinem ersten Cyclocross-Rennen im November auch so gehen wird…

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