Sieben Tage ins Glück – der Gore-Tex Transalpine Run 2017

Wecker klingelt – aufstehen – Pflichtausrüstung in den Trailrunningrucksack packen – Frühstücken – zum Start fahren – laufen – ankommen – erholen – Pastaparty – schlafen …. Und das ganze sieben Mal am Stück. So könnte man den Gore-Tex Transalpine Run kurz und knackig beschreiben. Aber das würde ihm nicht genügen. Zu viel Lust, zu viel Last stecken in dem Wettbewerb. Zu viele Schmerzen, zu viel pure Freude empfindet man während dieser sieben Tage. Zu viele mentale und topografische Aufs und Abs durchläuft man Tag für Tag. Daher sind hier doch ein paar mehr Worte notwendig um das Erlebte in Worte zu fassen.

Stage 1: Fischen im Allgäu nach Lech am Arlberg (41,6 Kilometer, 1.753 Höhenmeter, 4:20 h:mm)

Gespannte Erwartung am Start in Fischen (Foto: Florian Schütz)

So saß ich an einem verregneten Samstagabend Anfang September zusammen mit vielen anderen Läufern im Kurhaus Fischen im ersten Streckenbriefing. Basti, mein Teampartner weilte da noch bei Frau und Kind. Wie befürchtet kam es zur Streckenänderung. Die Roßgundscharte war auf Grund von Neuschneefällen nicht passierbar. Na, das fängt ja schonmal prima an. Anstatt über traumhaft schöne Trails vorbei an der Mindelheimer Hütte liefen wir also fast das gesamte Rappenalpental auf größtenteils asphaltierten Fahrwegen hinauf. Passend zur Stimmung hat es auch noch geregnet. Von ein paar netten Trailabschnitten abgesehen erinnerte das dann mehr an einen Landschaftslauf in alpiner Umgebung als an einen Trailwettbewerb. Aber „saftey first“ – es waren nicht nur erfahrene Bergläufer am Start, wie man das bei einem solchen Wettkampf eventuell meinen könnte.

Hoch über feinste Trails zum Schrofenpass (Foto: Florian Schütz)

Um den Schrofenpass herum juchzte das Trailherz ein paarmal laut auf bevor es von Warth zum Ziel in Lech am Arlberg eher wieder ein Landschaftslauf wurde. Sei’s drum, wir kamen gut durch und waren glücklich die erste Etappe gut überstanden zu haben. Basti zwickten die Leisten, zudem hatte er immer noch mit einer leichten Erkältung zu kämpfen. Das sollte sich noch rächen.

Stage 2: Lech nach St. Anton am Arlberg (26,8 Kilometer, 1.827 Höhenmeter, 3:52 h:mm)

Fertig machen und ab zum Start nach Lech

Der Regen vom Vortag hatte sich verzogen, die Sonne lachte vom blauen Himmel, die Luft war fast schon winterkalt. Der Schnee in den Hochlagen ab 2.000 Meter war jedoch noch immer da. Zu viel für den Streckenchef. So wurde die zweite Etappe von Lech nach St. Anton am Arlberg auch modifiziert. Wie eine pulsierende Schlange lief die Läuferschar zwar noch auf der Originalstrecke hoch zum Rüfikopf, dann jedoch knickte der Weg ab zum wilden Downhill nach Zürs; anfangs noch lustig durch den Schnee und über den Trail hüpfend, später fluchend über Asphalt. Die Erkältung machte Basti immer mehr zu schaffen. Spätestens über die steile Skipiste hoch zur Ulmer Hütte erwischte es ihn total. Erste böse Vorahnungen keimten in mir auf – ‚Muss ich ab morgen eventuell als Einzelkämpfer weiter?‘ Immer mehr manifestierten sich diese Gedanken, standen wir bergauf doch gefühlt mehr als dass wir stiegen. Läuferin um Läufer zogen an uns vorbei, dunkle Wolken zogen auf, obwohl die Sonne noch immer vom strahlend blauen Himmel lachte.

Ich vorne weg am Berg, Basti hinten dran. Hier stimmt was nicht (Foto: Sportograf)

Nach der Ulmer Hütte kam der rasende Downhill runter nach St. Anton. Nun, rasend war da heute leider nichts. Immer mehr baute Basti ab, immer mehr machte ihm der eigene Körper klar, dass Schluss war. Und immer mehr wurde mir bewusst, dass das Team Inov-8 Foxletics Trampelpfadlauf.de ab morgen wohl Geschichte sein wird. Meine Gedanken sprangen hin und her, machte doch gerade der Teamgedanke das Besondere am Transalpine Run aus. War es richtig weiter zu laufen? Ein letztes Mal liefen wir gemeinsam als Team über die Ziellinie. Das stand fest, genau wie mein Entschluss weiter zu laufen – auch für Basti.

Stage 3: St. Anton nach Landeck (43,7 Kilometer, 2.185 Höhenmeter, 5:15 h:mm)

Ãœber Matschpisten auf nach Landeck (Foto: Sportograf)

Die Nacht über quälte mich der Gedanke von nun an auf mich alleine gestellt zu sein. Dieser Gedanke ist zwar albern, waren doch mehr als 300 Läuferinnen und Läufer unterwegs, aber dennoch fehlte nach dem Ausstieg von Basti der Fixpunkt. Passend begrüßte mich St. Anton am Morgen mit Regen – ‚Na prima, das kann ja heiter werden‘. Ich schloss mich Marcel an, der auch bereits alleine unterwegs war. Zum Glück verstanden wir uns gut, legten einen Großteil der 3. Etappe von St. Anton am Arlberg nach Landeck gemeinsam zurück. Heute war alles dabei – flussbegleitender, ekliger Schotterradweg, geile Trails, widerlicher Asphaltdownhill und Matschrutschbahnen. Tagsüber begeisterte der Himmel immer wieder mit spannenden, ja fast mystischen Stimmungen im wilden Spiel von Wolken, Regen, Wind und Sonne. Das Ganze war irgendwie recht kurzweilig. Und so ging diese erste Etappe als Einzelkämpfer – ab VP 3 war ich alleine unterwegs, Marcel war hinten raus zu schnell für mich – schließlich nach einigem Schaulaufen durch die Landecker Gassen überraschend erfolgreich für mich zu Ende. Top 10 bei den Individual Finishern und schönes Wetter in Landeck. Allerdings machten sich erstmals kleine Zipperlein in Form von schmerzenden Fersen und Achillessehnen bemerkbar. Ignorieren, morgen geht’s weiter. Schmerzen passen da nicht.

Stage 4: Landeck nach Samnaun (45,5 Kilometer, 2.908 Höhenmeter, 6:38 h:mm)

Etappe 4, Königsetappe, von Landeck nach Samnaun. Dabei kreisten von Anfang an die letzten Kilometer nach VP 3 in meinem Köpflein rum – leicht ansteigend, Forstwege, Asphalt, das weit entfernte Ziel vor Augen und nicht näher kommend. Ob es daran lag, dass ich mich heute so gar nicht gut fühlte? Oder lag es daran, dass das Wetter bei weitem nicht so schön war wie vorhergesagt? Umwaberten die Nebel auch mein Gemüt? Oder lag es daran, dass ich immer mehr Probleme hatte mit meinen schmerzenden Achillessehnenansätzen? Oder doch daran, dass mein neuer Teampartner Marcel stark humpelt ankam? Vermutlich war es ein Konglomerat aus allem.

Mit Vroni und Gerhard (die USIs aus Wien) durch’s Skigebiet auf dem Trail zur Ochsenscharte (Foto: Sportograf)

Die ganze Etappe durch hatte ich einen mentalen Tiefpunkt. Bergauf waren meine Fersen die Hölle, Druck machen war unmöglich, bei jedem Schritt ein Stechen. Schuhe lockerer schnüren? Brachte nichts. Ich dachte gar an VP 1 und VP 2 ans Aufhören, wollte mich einfach hinsetzen, heulen und mit der Seilbahn ins Erlösung verheißende Tal schweben. Aber nichts da, ich wollte für Basti weiterlaufen, irgendwie waren wir ja doch noch ein Team. Und ich wollte für mich weiterlaufen, wollte meinen inneren Schweinehund nicht gewinnen lassen. Ich wollte dieses Finisher-Shirt, ich wollte stolz auf mich in Sulden über die Ziellinie laufen im Wissen, etwas Außergewöhnliches vollbracht zu haben. Und um Außergewöhnliches zu schaffen muss man manchmal auch seine Grenzen überwinden. Ich kämpfte mich Kilometer um Kilometer, Höhenmeter um Höhenmeter weiter. Die tollen Trailabschnitte ließen mich meine Schmerzen teilweise vergessen – was wäre das für eine geile Etappe geworden bei schönem Wetter. Die Schandtaten an der Natur durch den Skizirkus klammerte ich aus. Wer hier im Winter fröhlich zum Aprés Ski runterwedelt sollte sich diese Wüsten mal im Sommer anschauen.

Purer Wille hat mich hochgetrieben zur Ochsenscharte – Grün, die Farbe der Hoffnung in grauer Hochgebirgswelt (Foto: Sportograf)

Purer, entschlossener Wille trug mich schließlich hoch zur Ochsenscharte, einem der höchsten Punkte des Gore-Tex Transalpine Run 2017. Sie schmückte sich in ein Kleid aus kaltem, nassem Schnee und wurde von dunklen Nebelschwaden umschleiert; eigentlich ein genialer, mystischer Moment. Ich aber wollte nur noch weiter, runter, ins Ziel nach Samnaun. Den anschließenden Downhill zur VP 3 brachte ich schließlich zügig hinter mich. Und hier begannen die letzten 8 Kilometer nach Samnaun. Und die taten weh, so richtig weh. Weniger körperlich – die Fersen begann ich einfach zu ignorieren – sondern vielmehr mental. Schritt um Schritt quälte ich mich weiter Richtung Ziel, Richtung Erholung. Zwischendurch jauchzte meine Stimmung kurz auf, als zunächst meine Schwiegereltern und dann Basti an der Strecke standen und mich nach vorne peitschten. Schließlich zerronnen die Kilometer, das Ziel kam näher, immer näher. Da war die Ziellinie überschritten, die Königsetappe bezwungen, den inneren Schweinehund und meine Ferse niedergerungen. Es fühlte sich wie ein Sieg an. Ein Sieg über alle Widrigkeiten und meinen Körper. Letzterer trug mich immerhin auf Platz 8 der Individual Finisher. So schlecht war es also gar nicht, wie es sich anfühlte.

Währenddessen war mein neuer Teamkollege im Einzelkampf Marcel noch auf der Strecke. Während ich einen Sieg über alle Widrigkeiten erringen konnte, bahnte sich bei ihm leider eine Niederlage lang. Am nächsten Tag gingen wir zwar noch zur 5. Etappe in den Startblock, aber es sollte Marcels letzte Etappe sein. Der Transalpine Run kann eine Bestie sein, unbarmherzig und brutal.

Stage 5: Samnaun nach Scuol (39,4 Kilometer, 2.244 Höhenmeter, 5:15 h:mm)

Läuft!! (Foto: Sportograf)

Der Morgen der 5. Etappe begrüßte uns mit dem besten Laufwetter. Es war trocken und die Sonne lachte vom Himmel. Aus allen Ecken kamen die Läufer gekrochen, manche humpelten, der Rest humpelte stärker. Auf meiner Seele zogen abermals dunkle Wolken auf. Über Nacht hatten sich wieder Zweifel eingeschlichen. War es sinnvoll, mit den schmerzenden Achillessehnenansätzen weiter zu laufen? Riskierte ich damit zu viel? Die ersten Kilometer gingen über einen breiten Schotterfahrweg bergauf zur VP 1 auf dem Zeblasjoch. Ich beschloss es zu versuchen. Umdrehen war schließlich kein Problem. Zudem wechselte ich von meinen Inov-8 Trailroc 270 auf den Inov-8 Terraclaw 220. Der Versuch glückte. Es tat weh, wurde aber nicht schlimmer. Zudem stellte ich fest, dass langsam gehen nichts brachte, es schmerzte genauso stark. Also Gas geben, dranbleiben.

Das war echt ein Spaß heute – Rock’n’Roll (Foto: Sportograf)

Ab der VP 1 jauchzte dann das Trailherz wieder laut auf. Wir jagten über herrliche Trails, zwei hohe Pässe und durch traumhaft schöne Landschaften. Herr der Ringe lässt grüßen, Gandalf der Weiße hätte das nicht besser zaubern können. Die Seele schwebte, genoss die atemberaubenden Szenerien. Die Augen waren fokussiert, die Füße wirbelten. Bei VP 2 begann dann der letzte lange Anstieg des Tages. Meine Seele war inzwischen gänzlich frei von jeglicher Bewölkung, ich machte Druck und hatte unglaublichen Spaß. Läufer um Läufer konnte ich bergauf einsammeln und hinter mir lassen. Mit jedem Meter nach oben wuchs die Gewissheit ‚Du wirst dieses Ding nach Hause bringen. Nicht nur die Etappe, nein, diesen ganzen verdammten Transalpine Run. Du wirst ihn rocken‘.

Euphorisiert im Ziel in Scuol – Hol Dir das Ding, Füchschen!!

Der finale Downhill runter ins Ziel war der Hammer. Ich konnte ballern. Ich ballerte gefühlt alles in Grund und Boden, egal ob technischer Trail, Wiesenweg, Schotterweg oder Asphaltpiste. Es fühlte sich so gut an. Der gesamte Abstieg von der Fuorcla Champatsch nach Scuol, jeder dieser 1.536 Höhenmeter bergab, war ein einziges Runner’s High. Was war passiert seit gestern? Ich weiß es nicht, ich glaube, ich hatte einfach nur Spaß und ließ alle Zweifel in Samnaun zurück. Das Adrenalin floss durch meine Adern, ließ mich fliegen, ließ mich alles in mich aufsaugen. Mit dem Wissen ‚Ja, das wirst Du schaffen‘ lief ich als 5. Individual Finisher ins Ziel ein.

Stage 6: Scuol nach Prad am Stilfser Joch (46,3 Kilometer, 1.750 Höhenmeter, 4:51 h:mm)

Durch die wildromantische Uina-Schlucht (Foto: Sportograf)

Heute an Tag 6 stand die atemberaubende Passage durch die Uina-Schlucht an. Ich schaffte es, meine Euphorie vom Vortag mitzunehmen. Selten fühlte ich mich so stark, so unbesiegbar. Die ersten Kilometer ging es breit und schotterig am Inn entlang bevor die Läuferschar Richtung Uina-Schlucht abbog. Mit jedem Meter höher wurde die Szenerie gewaltiger und faszinierender. Meine Beine fühlten sich super an, die Schmerzen waren da aber ich konnte sie ausklammern. WOW, was für eine faszinierende Landschaft da oben. Welch ein Privileg, dort laufen zu dürfen. Und es lief, meine Beine liefen, mein Herz pumpte, mein Körper wollte. Nach der Uina-Schlucht begann ein genialer Abschnitt über einen wunderschönen Höhenweg. Ich schwebte über den Trail, meine Seele frohlockte, von der Ferne grüßte der Ortler herüber als wollte er sagen „Ja, Du schaffst das. Es ist nicht mehr weit. Kämpfe und gewinne“.

Ãœber herrliche Höhenwege bei Kaiserwetter am Schlinigpass – da jauchzt das Trailherz (Foto: Sportograf)

Ein rasanter, verwinkelter Downhill brachte mich zur VP 2. Ich lag gut im Rennen. Ab hier begann ein Streckenabschnitt, der wieder den inneren Schweinehund wachsen ließ; Forstautobahnen und Radwege. Egal, da musst du durch. Ausreden gelten nicht, also weiter. Ich schloss zum zweitplatzierten Mixed-Team auf. Upps, so weit vorne war ich noch nie. Die letzten Kilometer gingen in Wellen auf und ab, viele herrliche Trails. Ich konnte Plätze gut machen, musste aber ganz schön beißen. Mein Runner’s High hatte ich heute schon bei meinem Zweigespräch mit dem Ortler gehabt. Hinten raus tat es zwar sehr weh, aber es war grandios. Ich kam ganz knapp hinter dem führenden und sehr souveränen Mixed-Team ins Ziel. Heute zwar nur 6. Individual Finisher, aber ganz weit vorne im Gesamtfeld.

Jubelfaust die 2te in Prad – nur noch eine Etappe (Foto: Sebastian Dämmig)

Ich erinnerte mich an meine gewonnene Gewissheit ‚Du wirst das Ding rocken‘. Die Gewissheit war jetzt umso größer. Ja verdammt, ich wollte das Ding zu Ende rocken. Eine Etappe noch, eine verdammte Etappe bis zum großen Ziel. Let’s Heavy Metal, Feuer frei, Bang Bang Bang!!

Stage 7: Prad nach Sulden am Ortler (31,2 Kilometer, 2.591 Höhenmeter, 4:43 h:mm)

Das Wetter sollte noch mal schön werden zum Grande Finale. Daher wurde zum Glück die Originalstrecke gelaufen mit dem höchsten Punkt des Transalpine Run 2017, der 2.886 Meter hohen Tabarettascharte unterhalb der gewaltigen Gletscherabbrüche des Ortlers. Der anschließende Downhill sollte direkt ins Ziel nach Sulden und somit direkt ins Glück führen. Meine Vorfreude war riesengroß, die Zuversicht ebenso. Da konnte doch eigentlich nichts mehr schief gehen heute. Doch von dem versprochenen schönen Wetter war an diesem Morgen nichts zu sehen. Regen empfing uns vor dem Hotel in Gomagoi. Unten im Vinschgau war es noch trocken, dennoch verhieß der Wetterbericht im Kurzbriefing direkt vor dem Start nichts Gutes. Sei’s drum, da mussten wir alle jetzt durch.

Smile + Food = YES

Startschuss, der Läuferlindwurm setzte sich in Bewegung. Es ging über steile Rampen, wunderschöne Waalwege und kurze Forstwege hinauf zur Prader Alm. Ich brauchte lange, bis ich ins Rollen kam. Zwei Pipipausen warfen mich ein wenig zurück. Ich zweifelte doch ein wenig, fühlten meine Beine sich doch eigentlich gut an. Etwas hinter meinen eigenen Erwartungen lief ich am ersten Höhepunkt der siebten Etappe auf der Prader Alm ein. Hier mussten wir uns durch die beginnende Viehscheid wühlen. Das Muhen der Kühe hörte sich irgendwie ein wenig mitleidig an für mich.

Downhill! Laufen lassen? Ne, erstmal Nummer sicher. Umknicken wäre jetzt fatal. Daher kontrolliertes Ballern bis zur VP 2, der allerletzten für den diesjähren Transalpine Run. Nochmal stärken, denn jetzt ging’s rauf. So richtig rauf – 1350 Höhenmeter von Trafoi über die Berglhütte bis zur Tabarettascharte. Klick Klack, die Leki Vertical K Stöcke gaben den Takt vor, die Beine folgten. Und wie sie folgten. Das defensive Angehen der Etappe zahlte sich aus. Team für Team, Läufer für Läufer konnte ich schlucken. An der Berglhütte wurden wir vom engagierten Hüttenwirt versorgt – Kuchen und warmer Tee. Grandios, Balsam für die Seele und den Körper, wurde das Wetter doch immer unwirtlicher. Nieselregen, starker Wind, kühle Luft – ein Konglomerat, bei dem man eigentlich vor dem warmen Kaminofen der urigen Berglhütte sitzen bleiben wollte. Egal, Klick Klack, wieder habe ich den Takt der Stöcke aufgenommen – auf Fuchs, mach’s nochmal. Auf zur Jagd.

Im Takt der Stöcke geht’s hoch zur Tabarettascharte (Foto: Andi Frank)

Mit jedem Meter höher fühlte ich mich besser, Team für Team tauchte aus dem Nebel auf, wurde von mir geschluckt und verschwand wieder in den dichten Ortlernebeln. Dann der für mich magischste Moment des ganzen Transalpine Runs. Bergwinde schafften es für einen Moment, die Szenerie frei zu pusten. Schotterwüste, ca. 200 Meter unterhalb der Tabarettascharte. Gewaltig!! Die letzten Meter gingen in steilem Schotter bergan. Vor mir waren die Teams der erweiterten Spitzengruppe. Danach begann technisches Gelände, wo ich mich im Vorteil sah. Also, Gas geben. Serpentine für Serpentine walzte ich hoch, dabei huschte ich flink wie ein Fuchs an einem Team nach dem anderen vorbei. Das war durchaus ein Risiko, oben pumpte mein Herzchen ganz schön als ich mit dem Streckenchef abklatschte. Was für ein wahnsinnig grandioses Gefühl. Mein taktischer Schachzug war voll aufgegangen. Vor mir war alles frei, das Endorphin strömte durch meine Adern.

Geilster Downhill ever!!! Und das führende Mixed Team direkt vor Augen (Foto: Sebastian Dämmig)

Ich flog vom Runner’s High getragen über die technischen Passagen in den finalen Downhill, den letzten Downhill des Transalpine Runs 2017. Weit unten sah ich noch das führende Mixed Team – ‚Ob ich die wohl heute noch schnappen kann? Gas geben? Gas geben!‘ Wie verfuchst genial war das denn? Ich hatte 268 Kilometer und 15.258 Höhenmetern aus den letzten sieben Tagen in den Beinen. Und ich konnte ballern, ballern wie selten zuvor in einem Downhill. Arme und Beine wirbelten, der Geist war dermaßen auf den Trail fokussiert, die Nerven bis zum Reißen gespannt. Und ich hatte Spaß dabei, unglaublichen Spaß. Vermutlich waren das die geilsten Minuten des ganzen Transalpine Run für mich. Ich kam näher heran, Wanderer flogen an mir vorüber. Ich war im Tunnel, der wabernde Nebel half mir dabei, fokussiert zu bleiben.

Auch wenn nur die letzten 3,5 KIlometer gemeinsam waren – der Zieleinlauf mit Basti zusammen bedeutete mir unglaublich viel (Foto: Sportograf)

Bei Kilometer 269,5 wartete Basti auf mich, da war ich schon direkt an den Hacken von Marianne und Mathieu. Die Beiden hatten in der Mixed Kategorie bisher jede Etappe souverän gewonnen und waren ein verdammt starkes Zweiergespann. Nun wieder als Team vereint auf der Strecke, zum ersten Mal seit unserem Zieleinlauf bei der zweiten Etappe. Basti direkt hinter mir, jagten wir den Berg runter. Die letzten „Kilometer to go“ Schilder flogen auf dem Trail vorbei. 3 … 2 … 1 … Wahnsinn, soll es das gewesen sein? Sieben Tage, zwei Läufer, vier Länder, einfach so? 3 … 2 … 1? Und das ballernd, nach all den Strapazen der Vortage? Ich nahm all meinen Mut zusammen, ein kurzer Stich bergauf, 10 Meter vielleicht. Ich zog vorbei, zog davon. Arrogant 500 Meter vor dem Ziel? Ja klar, aber einfach auch verdammt cool. Eine Ecke noch, dann war das Ziel da. WOW, gefühlt ist jeder Einzelne ein Sieger. Jeder hat seinen ganz eigenen individuellen Sieg errungen. 2013 war ich noch gescheitert, doch diesmal habe ich gewonnen. Die Zeit hätte heute zu einem 8. Platz in der Men Kategorie gereicht – wie genial, Top 10 zum Abschluss. In diesem Moment zählte für mich aber nur mein eigener Sieg. Es war ein Sieg gegenüber jedem Zweifel und Zweifler. Es war ein Sieg über den inneren Schweinehund. Und es war ein Sieg meines Willens über meinen Körper. Erst dadurch waren sie im Einklang und ich wusste ab der fünften Etappe, dass ich es schaffen würde. Und ich habe es geschafft, gemeinsam mit Basti bin ich über die Ziellinie gerannt. Gemeinsam haben wir uns auf diese Herausforderung vorbereitet. Dass wir sie nicht gemeinsam meistern konnten tut mir noch immer leid. Aber es war dennoch ein Sieg, ein Sieg der Freundschaft. Aus einem Team sind Freunde geworden. Basti, ich danke Dir für Deine Unterstützung und all die gemeinsamen Stunden auf den Allgäuer Trails.

Heute – Epilog und Danksagungen

Ein stolzer Trailfuchs direkt nach dem Zieleinlauf in Sulden – da is das Ding!!!

Seit damals ist jetzt eine Woche vergangen. Ich bin noch immer wahnsinnig stolz auf meine Leistung. Davon werde ich lange zehren und das kann mir auch niemand mehr nehmen. Am Ende war ich 5. bester Individual Finisher. Die Gesamtzeit von 34:57 hh:mm hätte zum 12. Platz bei den Männern gereicht. Die Zipperlein sind so langsam alle aus dem Körper draußen. Ich möchte jetzt eigentlich nicht in die allgemeine Diskussion um den Trailanteil einsteigen. Doch nur so viel: Ich bin Läufer, einfach nur ein Läufer, der das Laufen liebt und um des Laufens willen läuft. Warum sollte ich also meckern, zumal die Strecken im Großen und Ganzen ja im Vorfeld bekannt waren? Und schließlich heißt der Wettbewerb ja Transalpine Run, der den kompletten Läufer fordert, und nicht Transalpine Trail. Wohlgemerkt, für reine „Trailhüpfer“ ist der Transalpine Run aus meiner Erfahrung nicht der ideale Wettbewerb – die erste Enttäuschung und zwickende Leiste sind vorprogrammiert.

Gemeinsam, Seite an Seite mit Marcel auf der 3. Etappe (Foto: Sportograf)

In Erinnerung geblieben sind mir dabei die vielen zwischenmenschlichen Begegnungen auf den Trails. Man läuft zwar auch gegeneinander, aber hauptsächlich miteinander. Egal ob die „Zwo Balger“ aus der Schweiz, die zwei USIS aus Wien, das Gore-Tex-Team mit Jürgen oder ganz besonders auch Marcel – dieses harmonische Miteinander auf der Strecke, dieses gegenseitige Anfeuern und das gemeinsame Leiden machen den Transalpine Run so speziell. Man verabschiedet sich eben nicht nach einem Tag wieder, sondern begegnet sieben Tage lang immer wieder den gleichen, coolen, mindestens genauso verrückten Leuten. Speziell ist mir ein Spruch in Erinnerung geblieben, den mir ein Team hinterherbrüllte, als ich im rasenden Downhill nach Scuol an ihnen vorbeigerannt bin: „Hey, great job, dude! Come on! Hop! Hop! Hop!“

Als Einzelkämpfer durch die Berge – schon irgendwie speziel, aber man lernt sich besser kennen (Foto: Uli Moll)

Der Transalpine Run hat mir gezeigt, wozu meine Psyche und mein Körper in der Lage sind. Und natürlich sind für die nächste Trailsaison wieder neue Abenteuer, neue Herausforderungen und neue Wettkämpfe geplant. Es wird spannend bleiben. Gerne nehme ich dabei meine Sponsoren mit auf die Reise. Hierzu gilt mein Dank zunächst und ganz besonders Britta von Inov-8 – vielen Dank für die famose Unterstützung und das in mich gesetzte Vertrauen. Ich hoffe, ich konnte das zurückzahlen. Gerne berenne ich weiterhin die Trails dieser Welt gemeinsam mit euch. Und selbstverständlich vielen Dank an Claus und PowerBar, die uns den Startplatz zur Verfügung gestellt haben und mit dem nötigen Futter und Pulver bestens versorgt haben. Vielen, vielen Dank für diese Chance.

Danke an meine liebe Frau, die all meine Eskapaden als Läufer stoisch aushält und mich auch mal auf den Boden zurückholt. Sie hat ihre neuen Jobs als Logistikexpertin, Masseurin, Reiseleiterin und Sportpsychologin während des Transalpine Runs ganz hervorragend gemacht. So hervorragend, dass der Vertrag gerne verlängert wird. Auf eine Zusage warte ich noch. Hier seien auch meine Schwiegereltern erwähnt, die die ganze Zeit mitgereist sind und mich mit „Quäl Dich Du Sau“ Rufen immer wieder angetrieben haben. Vielen Dank Euch Beiden, das war super und hat mir bestimmt die ein oder andere Sekunde an Vorsprung eingebracht.

Ein Rennen, zwei Kumpels, ein Finisher, ein Traum – verfuchst nochmal, war das genial!!!

Und vielen Dank an all die Leser und Unterstützer da draußen. Die ganzen aufmunternden, begeisterten und lobenden Worte haben fuchsmäßig gutgetan – so macht diese Bloggerei, von der Alle sprechen, echt Spaß und Sinn. Ohne euch wäre dies wie ein Berg ohne Trail – in diesem Sinne, stay foxed!!

So, genug geschrieben. Wenn ihr bis hier durchgehalten habt, habt ihr vermutlich genauso lange gebraucht wie ich für 274,5 Kilometer und 15.258 Höhenmeter. Eines der größten Abenteuer meines Lebens ist erfolgreich überstanden – also, auf zu neuen Abenteuern!!

Johannes

Johannes

… liebt Schinkennudeln und Vollnussschokolade, Trailrunning ist seine Passion, ja manchmal Religion. Ist studierter Geograph und nervt schon mal mit stundenlangen Vorträgen zu heimischen Orchideen und Karnivoren. Der Wolf im Fuchspelz.
Johannes
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