Walser Trail Challenge 2017 – Von kaputten Pfoten und einem frohen Trailfuchs

Prolog

Das Kleinwalsertal empfing mich mit kräftigem Wind, dicken Wolken und den unterschiedlichsten Arten von Regen. Hier also sollte dann an den folgenden zwei Tagen die Walser Trail Challenge stattfinden. Gespannt darauf wie nach den ganzen Regenfällen an den Tagen davor die Bedingungen auf den Trails wohl sind, habe ich mich gleich auf den Weg … auf die Trails gemacht. Ich bin einfach mal die Strecke des Walser Ultra Trails über den Hohen Ifen bis zur Auenhütte abgelaufen.

Die Trails waren rutschig, nass, eklig. Immer wieder haben sich mir Gebüsche in den Weg geworfen, die ihr ganzes Wasser an mich abgaben. Ich war irgendwann klatschnass, als ob ich gerade aus dem Freibergsee gestiegen wäre. Außerdem musste ich durch teils knöcheltiefen Schlamm und ebenso tiefe Pfützen kämpfen. Immer wieder überquerte ein Alpensalamander meine Spur. Das will was heißen, wenn diese schwarzen Gesellen am helllichten Mittag zu sehen sind. Auf dem Gottesackerplateau und am Hohen Ifen wehte mir eine steife Brise aus Westen entgegen, die dichten Nieselregen vor sich hergetrieben hat. Bedingungen, wie man sie sich nicht wünscht. Aber irgendwie war es cool – und wie ich im Nachhinein weiß, sollten wir am Wochenende Sonne satt bekommen.

Abends habe ich dann den hoteleigenen warmen Pool genossen, um die 24 Kilometer und 1.300 Höhenmeter über die sehr technischen Trails um den Hohen Ifen für den nächsten Tag aus den Beinen zu bekommen – dann war er da:

Raceday #1 – Widdersteintrail

Die Sonne lachte vergnügt von einem azurblauen Himmel. Rechtzeitig hat sich das Schietwetter verzogen. Widdersteintrail, 15 Kilometer und ca. 900 Höhenmeter, Teil 1 der Walser Trail Challenge Classic. Den Namen hat er zurecht, denn die Strecke führte einmal rund um das mächtige Massiv des Großen Widdersteins. Start und Ziel war in Baad im hintersten Kleinwalsertal. Es galt heute einerseits zu ballern, sich aber noch genug Körner für den nächsten Tag aufzuheben. Nach einigem „Hallo, wie geht’s Dir?“ und zahlreichen „Hey cool, Du auch hier!“ versammelte sich eine große Läuferschar im Startbereich und wartete gespannt darauf, auf die Strecke losgelassen zu werden.

Hoppla, es wurde ganz schön losgestürmt. Den ersten Kilometer ging’s in einer 3:27er Pace die Straße hinunter, schließlich auf den breiten Wanderweg bis die Strecke ins Gemsteltal abbog. Zur Hinteren Gemstelalpe ging es dann den geschotterten Fahrweg rauf, das Tempo wurde ganz schön hochgehalten. Hier begann endlich der Trail – und schwupp, hatte sich das Feld etwas neu sortiert. Ich konnte Platz um Platz gut machen. Aber der Anstieg hat ganz schön gefordert, auf Serpentinen zieht er sich rauf bis zum Gemstelpass, ohne Pause, nur hoch.

Autsch!!!! Aber ich bin nicht aus den Inov-8’s gekippt

Schließlich passierten wir die Widdersteinhütte. Phhheewwww, Anstiege für heute geschafft. Ab hier ging es mehr oder weniger eben über herrliche, aber stets recht technische Trails, bevor wir uns in den rasanten Downhill ins Bärgunttal stürzten. Nun, das mit dem Stürzen habe ich wohl ein wenig wörtlich genommen. Es hat mich gelegt, aber alles gut, meine linke Hand hat alles abgefangen. Von hinten kam ein „Hey Johannes, alles gut?“ – „Ja, alles gut.“ Und weiter ging’s. Nach ner halben Minute fiel mein Blick mehr oder weniger zufällig auf meine linke Hand. Ui, da suppt so rotes Zeug raus. Mist, habe mir einen recht tiefen Cut am linken Handballen zugezogen. Zuerst habe ich mich mit Klopapier aus meinem Rucksack erstversorgt (Danke an Tim für die Hilfe!!), ein wenig weiter hat eine nette Bergwachtlerin die Versorgung etwas professioneller übernommen.

Ich konnte zum Glück weiterlaufen, aber die Luft war für heute raus, die Knie waren zittrig. Das war doppelt ärgerlich, weil ich gut im Rennen gelegen bin. So brachte ich aber den Lauf eher gediegen zu Ende und bin dann gleich zum Rennarzt, der mir aber neben einem Verband auch das GO für den nächsten Tag gegeben hat – Schwein gehabt. Aber auf das Hallenbad musste ich an dem Tag leider verzichten. Platzierung und Zeit waren für mich nach dem Sturz eher zweitrangig.

Raceday #2 – Walser Trail

Das Inov-8 Rucksäckle isch packt

Ich bin vermutlich noch nie mit einem solch mulmigen Gefühl in ein Rennen gegangen wie an diesem Tag. Auf Grund meiner Schienbeinprobleme im Juni und des bevorstehenden Transalpine Runs lief ich nicht wie ursprünglich geplant die große Walser Runde, sondern „nur“ den kleinen Bruder. 29 Kilometer und ca. 2.000 Höhenmeter auf feinsten, alpintechnischen Trails. Dennoch machte mir meine dick verbundene Hand und der Wetterbericht mit Gewittern ab Mittag etwas Sorgen. Im Gegensatz zu mir strahlte die Sonne vom Himmel. Es sollte ganz schön heiß werden, Schatten gab es auf der Strecke nicht – „Das wird heute ein ganz schönes Brett“, dachte ich mir.

Nach dem üblichen Smalltalk hier und da (als Fuchs wird man ganz schön bekannt) und der Rucksackkontrolle ertönte endlich der Startschuss. Meine Nervosität war plötzlich verflogen. Ich war sehr fokussiert. Meine Hand tat zwar weh durch die Schlaufe meiner Stöcke. Aber es war gut auszuhalten. Bis zur Bärguntalpe ließ ich es eher ruhig angehen. Hier begann endlich der Trail. Die Beine fühlten sich gut an, ich konnte Plätze gut machen. Bis zum Hochalppass gab es keinen Punkt zum Verschnaufen. Unbarmherzig brannte der Planet vom Himmel, aber es gab zumindest keine Anzeichen auf ein Gewitter.

Herrliche Trails bei Kaiserwetter auf dem Koblat (Foto: https://www.dberchtold.com/)

Über herrliche Trails ging es bei atemberaubender Sicht vorbei an der Widdersteinhütte, über das Koblat, wir passierten die Mindelheimer Hütte bis schließlich der Trail rauf zur Fiderescharte begann. Es gab ständige Richtungswechsel, rechts und links, gewürzt mit kleinen An- und Abstiegen. Der Fokus lag auf mir und dem Trail, ich war voll bei mir. Es lief einfach absolut rund und machte unglaublich Spaß. Der Glutofen rauf zur Fiderescharte war heftig. Die Sonne kannte keine Gnade, wurde vom hellen Kalkgestein reflektiert und kam mit doppelter Wucht zurück. Aber ich konnte an diesem vorletzten langen Anstieg Platz um Platz gut machen. Als ich nach dem wilden Downhill auf der anderen Seite runter zur Fiderepasshütte bereits mein heiß ersehntes Cola genoss, waren meine Kontrahenten vom Anstieg noch nicht auf der Scharte zu sehen – WOW.

Noch recht frisch unterhalb bei der Ankunft auf der Fiderescharte – dem Glutofen entkommen – Foto: https://vitaminberge.de/

So ging es nach der letzten Verpflegungsstation weiter auf herrlichen Trails unterhalb der zwei Hammerspitzen bis zur Inneren Kuhgehrenalpe. Hier stach der letzte Uphill förmlich gen Himmel und forderte nochmal ganz schön. Aber auch hier konnte ich Plätze gut machen. Es zeichnete sich immer mehr ab, dass mir der Lauf am Freitag auf den Hohen Ifen nicht geschadet hatte und, dass ich mir das Rennen richtig gut eingeteilt hatte. Auch der Anstieg war letztendlich geschafft und es ging in den schnellen Downhill – aber die Skipiste runter ballern hat ganz schön weh getan. Motiviert durch die Anfeuerungsrufe meiner Schwiegereltern stürze ich mich dem Ziel in Riezlern entgegen. Auf die zwei Läufer vor mir schaffe ich es zwar aufzulaufen, konnte sie aber nicht mehr überholen. Das war mir aber auch egal, so konnte ich den stimmungsvollen Zieleinlauf in Riezlern entspannt genießen – Gänsehaut pur. Und es ist einfach genial wie Kinder strahlen können, wenn man mit Ihnen abklatscht. Da waren mir die paar Sekündchen dann echt wurscht.

So sehn zwar keine Sieger aus, aber sehr glückliche Trailfüchse nach einem gelungenen Wettkampf

Die Fakten lesen sich eher kühl: Walser Trail Platz 30 (339 Finisher) in 4:12 Stunden, Walser Trail Challenge Classic Platz 12 (164 Finisher). Aber das war auch das einzig kühle an dem Tag. Nach 3 Litern Flüssigkeitszufuhr im Zielbereich, gefühlt ner halben Wassermelone und ner Currywurst mit Pommes kam ich schließlich pünktlich vor dem Gewitter zufrieden im Hotel an – mit einer kaum schmerzenden Hand. Das Rennen war zu diesem Zeitpunkt bereits abgebrochen und die betroffenen Läufer wurden sicher ins Tal gebracht. Das ist dann auch der Punkt, die perfekte Organisation der Walser Trail Challenge über alle Tage hinweg zu erwähnen. Einziger Kritikpunkt wäre noch diese elendige Skipiste am Ende. Aber sonst gibt es nichts zu meckern sondern nur zu loben. Und natürlich danke ich neben den Verantwortlichen auch den unzähligen fleißigen Helfern im Vorder- und Hintergrund, die diesen Event mal wieder zu einem unvergesslichen gemacht haben. VIELEN DANK dachte ich mir, als ich abends zufrieden im Bett lag und über die vergangenen Tage sinniert habe.

Epilog

Geiles Trailfeeling auf dem berühmt berüchtigten Band rauf zum Hochvogel

Dieses Auslaufen, von dem alle Reden, ist doch völlig überbewertet. Das dachte ich mir zumindest, als ich tags drauf in Hinterstein zum Bus gen Giebelhaus sprinte. Der Tag musste nochmal genutzt werden. Und schließlich ist der Transalpine Run nicht mehr fern, wo ich sieben Tage am Stück über die Alpen rennen muss … oder darf? Das ist dann vermutlich Ansichtssache. Vom Giebelhaus ging es über das Prinz-Luitpold-Haus, die Kreuzspitze rauf zum Hochvogel (yeehhaa, in 1:49 h) und schließlich über die Balkenscharte, den Schrecksee und Willersalpe wieder nach Hinterstein runter. Das waren summa summarum nochmal 32 Kilometer und 2.300 Höhenmeter, verfuchst geniale Trails, ein Steinbock, kein Edelweiß und jede Menge Spaß. Es lief bei brütender Hitze überraschend gut und rund. Ich habe jeden Bach genutzt und bestimmt sechs Liter getrunken. Und der Spruch einer Wanderin ist mir in bleibender Erinnerung geblieben: „Oh, he’s in pretty good shape. Look at his calves.“ Ich weiß nicht, ob sie wusste, dass ich es gehört habe, aber es hat mir gefallen. Für mich persönlich wertete dieser Lauf meine Leistung bei der Walser Trail Challenge nochmal auf und macht mich enorm zuversichtlich auf tolle Tage beim Transalpine Run – dann aber bitte nicht mehr mit 30°C im Schatten.

Johannes

Johannes

… liebt Schinkennudeln und Vollnussschokolade, Trailrunning ist seine Passion, ja manchmal Religion. Ist studierter Geograph und nervt schon mal mit stundenlangen Vorträgen zu heimischen Orchideen und Karnivoren. Der Wolf im Fuchspelz.
Johannes

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