Ein Fuchs auf Norderney

Mondänes Seebad Noderney

 

Urlaub! Dieses Mal hat’s mich nach Norderney verschlagen. Norderney ist eine Insel in Ostfriesland. Die Fähre bringt einen in ca. einer Stunde von Norden-Norddeich aus in das älteste Inselseebad Deutschlands. Hier haben schon die hannoversche Königsfamilie und Heinrich Heine die Sommerfrische genossen. Kann also nicht ganz schlecht sein, dieses Eiland. Hoffentlich auch nicht für laufende Füchse. Es gibt sechs ausgeschilderte Laufstrecken, von der ca. 3 Kilometer Kurparkrunde bis zur 22 Kilometer langen Weltnaturerberunde. Letztere habe ich mir unter die Füße genommen und will mal schauen, wie sie einem anspruchsvollen Fuchs taugt.

EXKURS I: ACHTUNG, es ist hier teilweise sehr windig bis stürmisch. Daher ist es mir mehr als einmal passiert, dass die Wegweiser im wahrsten Sinne des Wortes vom Winde verweht waren und in eine falsche Richtung gezeigt haben. Eines Morgens bin ich auch drauf reingefallen, was anderthalb Extrakilometer nach sich zog – und das mit einer schon hungrigen und trippelnden Lieblingsfüchsin in der Ferienwohnung. Also, prägt euch die Runde gut ein, sonst kann es Überraschungen geben.

Ballern auf dem Zuckerpad

Los geht’s an unserer Ferienwohnung in der Nordhelmsiedlung. Es ist bedeckt und windig an diesem Morgen. Die Böen fegen mit bis zu 8 Beaufort durch die Dünen heran. Kurz durch’s Wohngebiet, dann geht es schon auf den Zuckerpad. Nein, das ist kein Schreibfehler, sondern Friesisch. Der Zuckerpad windet sich in sanftem Auf und Ab durch die faszinierende Dünenlandschaft bis zur Weißen Düne (Strandrestaurant mit toller Terrasse und außerdem Übergang zum Strand). Der Untergrund besteht wie eigentlich auf allen Wanderwegen Norderneys aus sehr gut verlegten Pflastersteinen. Wir sind auf einer Radfahrerinsel.

Immer wieder säumen sogenannte Windlooper den Weg – Bäume, die sich im wahrsten Sinne des Wortes voll in den Wind legen. Kaninchen hoppeln in den Dünen umher – es gibt ca. fünf Mal so viele Kaninchen wie Einwohner auf Norderney. Eine echte Plage. Ich finde sie süß. Steinschmätzer fliegen durch die Büsche. Der Weg ist kurzweilig, eine Aussichtsdüne lädt zur Schau über die Dünen ein. Im Nu ist die Weiße Düne erreicht und der Weg knickt ab gen Südost.

„Windlooper“ zeigen die meist vorherrschende WIndrichtung an

Der prägnante Leuchtturm ist das nächste Ziel. Ich biege in den Dünenpad ein. Die Landschaft ändert sich nicht groß, kleine Birkenwäldchen kommen hinzu. Vorbei geht’s auch am Norderneyer Wasserwerk. Norderney verfügt über eine riesengroße Süßwasserlinse, die die Menschen mit ausreichend Trinkwasser versorgt. Am Leuchtturm angekommen geht’s an der Fahrstraße entlang. Zunächst links der Straße, dann wird diese überquert und es geht weiter an Pferdekoppeln und Galloway-Rinder-Weiden vorbei. Hier hat man einen ersten Blick auf den Grohdepolder mit seiner faszinierenden Vogelwelt. Erste Graugansfamilien fliehen mit viel Tamtam. Hier möchte ich vor aggressiven Graugansmamas warnen. Das macht keinen Spaß, wenn die wild fauchend, mit irrem Blick auf einen zu flattern. Also, Tempo runter, eventuell ausweichen – bedeutet weniger Stress für beide Seiten. So geht’s weiter bis zum Parkplatz Ostheller, von welchem aus es auf den Deich geht, einmal herum um den Grohdepolder. Bis hier bin ich ausschließlich im Gegenwind gelaufen. Unterschätzt das nicht, das ist echt kraftraubend.

Dünenweiten in Richtung Ostspitze Norderneys

EXKURS II: Vom Parkplatz Ostheller führt ein toller Wanderweg sieben Kilometer bis zum Ostende Norderneys. Der lässt sich auch super laufen. Man läuft entweder über superweiche Salzwiesen und durch Dünensandlandschaften. Der Untergrund macht das Laufen anstrengend. Dessen muss man sich bewusst sein. Die Landschaft entschädigt aber. Wildnis pur, faszinierende Dünenweiten und wiegende Salzwiesen, dazu eine prächtige Vogelwelt. Und wenn sich die Dünen schließlich öffnen und man plötzlich am Strand steht ist ein Runner’s High garantiert. Am Strand rostet ein Schiffswrack vor sich hin – ein skurriles Highlight. Und mit etwas Glück sonnen sich Kegelrobben auf der Sandbank. Zurück bin ich den gleichen Weg. Wer will kann auch über den Strand zurücklaufen, was jedoch sehr beschwerlich sein kann. Und schließlich noch ein Appell an die Vernunft: Bitte verlasst nicht den Weg, hier ist die Natur wichtiger als der Mensch. Daher habt Respekt und genießt mit Anstand und Abstand.

Faszinierende Vogelwelt auf dem Grohdepolder

Der Weg selber über den nun anschließenden Grohdepolder und schließlich auch den folgenden Südrandpolder ist eigentlich schrecklich eintönig; immer auf der Deichkrone entlang. Dass es mir trotzdem nicht langweilig wird, dafür sorgt diese unglaubliche Vogelwelt. Riesige Schwärme Nonnen- und Ringelgänse erheben sich unter lautem Gezeter in den Himmel. Austernfischer führen einen Wettstreit, wer am lautesten schreien kann. Silbermöwen segeln erhaben durch die Luft. Rotschenkel und Uferschnepfen suchen nach Leckereien. Kiebitze jagen in aufsehenerregenden Flugmanövern auf und ab. Löffler … nun ja … löffeln nach ihrem Frühstück. Und für die nötige Würze Spannung sorgen die Graugansmamas. Die fleißigsten unter ihnen bringen 12 Küken das Leben bei … und nebenher mich zum Schwitzen. Und Brandgänse sind allgegenwärtig, suchen sich die besten Bruthöhlen (Anm. d. Red.: Brandgänse brüten mit Vorliebe in Kaninchenbauen). So verfliegt die Zeit nur so, nun auch angetrieben vom Rückenwind.

Den Südrandpolder kann man auch auslassen und direkt über den Planetenweg laufen. Hier wird unser Sonnensystem im richtigen Maßstab erklärt. Passt finde ich nicht so richtig nach Norderney. Aber man kann sich immerhin sonnen, wenn der Himmel wie heute bedeckt ist. Hier kommt man auch am eigentlich Start- und Zielpunkt der konzipierten Laufrunden vorbei.

Weite am Grohdepolder

 

EXKURS III: Ein Polder ist ein eingedeichtes Gelände, das durch Deiche geschützt wird. In der Regel liegt das Bodenniveau eines Polders tiefer als der Wasserspiegel des ihn umgebenden Gewässers. Durch Pumpen wird der Polder entwässert; früher durch Windenergie, heute meist durch Motorkraft. Das Wort Polder kommt aus den Niederlanden. In Niedersachsen findet man häufig auch das Wort Groden. Das bezeichnet eigentlich Deichvorland, wurde jedoch vielerorts nach Eindeichung beibehalten. Der Grohdepolder hat beide Schreibweisen in sich vereint. In Schleswig-Holstein werden die klassischen Polder übrigens Koog genannt.

Laufen auf dem Strand – der Wind mahlt sein Muster und gönnt dem Läufer ein kostenloses Wadenpeeling

Weiter geht’s vorbei am Hafen in Richtung Strandpromenade. Hier schlägt Norderneys mondänes Herz. Leider wurden viele historische Badehäuser der guten alten „Sommerfrischezeit“ abgerissen und mit funktionalen, häufig unattraktiven Zweckbauten der 60er Jahre ersetzt. Zum Glück sind aber noch ein paar Schätzchen der Bäderkultur erhalten geblieben. Diese kann man auf der Strandpromenade bewundern; ein Laufsteg der Läufereitelkeiten. Hier gilt sehen und gesehen werden. Also, Brust raus, Bauch einziehen und Intervalle ballern. Zum Glück gibt es hier das ein oder andere Strava-Segment zu holen.

Mir macht es einfach Spaß hier zu laufen.  Ich mag dieses sehen und gesehen werden. Und nebenbei lässt sich hier bestens die Weite der Nordsee genießen bei bester Meeresluft. Am besten läuft man hier morgens. Denn wenn die Spaziergänger und Radfahrer aus ihren Ferienwohnungen und Hotelzimmern gekrochen kommen ist es mit entspanntem Laufen vorbei. Am Nordbadestrand angekommen schwenke ich von der Strandpromenade weg und laufe die letzten Meter durch die Nordhelmsiedlung zurück zur Ferienwohnung. Natürlich noch mit einem Umweg am Bäcker vorbei.

Runner’s High am Schiffswrack und Daumen hoch für Norderney als Läuferinsel

Norderney ist definitiv eine tolle Insel für Läufer. Es gibt allerdings kaum naturnahe Laufuntergründe. Nur der Wanderweg vom Ostheller zum Ostende dürfte für reine Trampelpfadläufer spannend sein. Auch unzählige Laufkilometer über den Sandstrand sind toll, aber gefährlich für die Achillessehne. Ich finde die Strecken sehr kurzweilig. Man hat immer was zu schauen in diesen faszinierenden Dünenlandschaften, auf den Poldern oder der Strandpromenade. Und die Laufrunden lassen sich beliebig kombinieren. Bedenken sollte man den fast immer vorherrschenden Wind. Mal als willkommener Rückenwind, dann wieder als verfluchter Gegenwind. Mir hat’s definitiv Spaß gemacht Norderney laufend zu erkunden.

Johannes

Johannes

… liebt Schinkennudeln und Vollnussschokolade, Trailrunning ist seine Passion, ja manchmal Religion. Ist studierter Geograph und nervt schon mal mit stundenlangen Vorträgen zu heimischen Orchideen und Karnivoren. Der Wolf im Fuchspelz.
Johannes

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