Ultra Trail Lamer Winkel – Der Osser Riese!

Puh, schon der zweite Wettkampf, den ich 2016 abkürze. Aber von meiner Warte aus macht es einfach keinen Sinn aktuell einen Ultra zu laufen. Der geplante Ultra Trail Lamer Winkel wird also nur zum Osser Riesen, der die Beine mit 24 km und 1200 Höhenmeter zum Glühen bringen soll. Schon Wochen vorher fiebere ich der Veranstaltung entgegen, so viele hatten sich angemeldet und wir reisen immerhin mit einer achtköpfigen Delegation von der Alb aus an. Schon am ersten Tag gibts viele neue Bekanntschaften – vorneweg Chris von der Flitzpiepen, die ausgeflippte Sau! Auch er hatte sich entschieden, aufgrund von Krankheit umzumelden. Aber auch Altbekannte wie Steve von uptothetop.de, Flo von summitsforthesoul.de und eine große Delegation Asics Frontrunner kam zum Trail-Stelldichein.

Wie seit einiger Zeit üblich, laufe ich Trailwettkämpfe mit Musik auf den Ohren. So also auch dieses Mal. Auf der Playlist findet sich viel Crossover, Rap und Hiphop, die mich auch im Training gerne mal pushen. Das die Songs aber so gut auf diesen Lauf passten, hab ich nicht ganz erwartet. Ich möchte euch mitnehmen auf eine musikalische Reise durch den bayerischen Wald und zu einem Rennen, das ganz anders verlief, als ich es erwartet hatte.

Auf und davon…

Das erste Lied trifft es schon auf den Kopf – „Auf  und davon“ von Casper! Auf und davon bin ich schneller als ich gucken kann, denn vom Start an geht es erstmal seicht bergab. Ich trete ordentlich aufs Gaspedal, so wie ich es mir vorgenommen hatte. Ich hänge mich an ein paar Läufer, die etwa mein Tempo laufen und hoffe inständig, dass ich mich nicht verzocke. Die Neigung wechselt. Es geht langsam bergauf. Jetzt nicht zu schnell. Die kleinen Tippelschritte sind perfekt und fühlen sich richtig gut an. Nicht mal wirklich anstrengend. Und so schrauben wir uns langsam mit einer gemütlichen Pace von 7:15 min/km nach oben – bis endlich der erste kleine Downhill ansteht.

UTLW Osser Riese (c) foxletics.com

Easy

Der gute Cro schreit es mir förmlich in die Ohren und eine Beine setzen es nur zu gerne um. Die geringe Neigung und der trockene Boden sind ideal um richtig Gas zu geben. Die Pace wird schneller und ich komme so richtig schön in den Flow. Easy eben. Spielend leicht wechseln meine Füße die Positionen und ich lasse die Hangabtriebskraft ihre Aufgabe erledigen – genug Gewicht bringe ich ja mit. Wurzeln und Steine verfliegen nur so unter meinen Füßen und mein Tunnel wird erst durch das nahende Ende der Bergabpassage beendet…

Power!

Ok, ok – ich weiß, Kanye West ist durchaus ein umstrittener Charakter. Aber dieser Song puscht richtig schön. Vor allem, wenn es bergauf geht! Der Beat passt genau auf meinen Schritt und ich arbeite mich präzise wie ein Uhrwerk weiter nach oben. Es läuft immer noch. Nur die wirklich steilen, kurzen Stücke gehe ich vorsichtshalber, nur um direkt wieder loszulaufen, sobald es wieder etwas seichter wird. Die Oberschenkel melden immer noch grünes Licht und ich hoffe, dass das nicht wieder ein Finte ist, wie zuletzt in Lichtenstein. Dem scheint nicht so, denn auch, als ich nach 7 km die erste Verpflegungsstation erreiche, fühle ich mich noch absolut bombastisch. Daher beschließe ich auch, es drauf ankommen zu lassen, drücke mir flux ein Gel rein, trinke einen Schluck und renne gleich weiter. Das verlockende Buffet lasse ich links liegen – nächstes Jahr dann beim Ultra! 🙂

UTLW Osser Riese (c) foxletics.com

Get that dirt of your shoulders

Untermalt von starken Gitarren-Riffs geleitet mich die Crossovervariante von Jay-Z und Linkin Park auf dem Rest des Anstiegs hoch zum Zwercheck. Nach dem VP schüttele ich mir den Staub von den Schultern und setze erneut zum Laufschritt an. Einige Höhenmeter lassen sich so noch überbrücken, bis es endgültig zu steil und technisch wird und ich ins zügige Wandern verfalle. Und auch hier hilft mir der Beat, den passenden Rythmus zu finden. Die aggressive Musik treibt ordentlich an, so dass ich tatsächlich einige andere Athleten überhole. Endlich oben, kann ich zum ersten Mal den Blick über den schönen Bayerischen Wald schweifen lassen. Hat schon was!

Inzwischen macht sich das schwüle Wetter bei mir bemerkbar und ich verschwende einen kleinen Teil des kostbaren Wassers, um mich ein wenig abzukühlen, bevor der nächste Downhill ins Haus steht.

Like the ceiling can’t hold us

Oh yes! Eines meiner absoluten Lauflieblingslieder dröhnt durch das Trommelfell. Macklemore gibt mir einen schnellen Beat vor, den ich direkt auf den Downhill umsetzen kann. Allerdings ist hier etwas mehr Vorsicht geboten, denn es ist ziemlich steil und die zahlreichen Wurzeln sorgen nicht gerade für Erleichterung. Noch ziemlich leichtfüßig überwinde ich Meter für Meter und verfalle förmlich in einen Rausch – Alter Schwede, was macht das heute für einen Spaß. Wenn ich nicht so viel Luft holen müsste, würde ich wohl laut mitsingen. Normalerweise sind meine Beine nach seinem rasanten Downhill Muß, aber heute zeigt noch nicht ein bisschen Ermüdung – bisher zumindest. Der Trail endet und führt auf eine Forststraße, auf der es die nächsten fünf Kilometer zu absolvieren gilt.

UTLW Osser Riese (c) foxletics.com

So perfekt!

Wieder ein Casper-Song der wie die Faust aufs Auge passt. Denn bisher läuft es wirklich einfach „So perfekt“. Die Forststraße geht leicht bergab und ich kann quasi zuschauen, wie die Pace-Anzeige auf meiner Uhr immer weiter nach unten tendiert und sich schließlich bei 4:30 min/km einpendelt. Kann man auch mal laufen, mit schon knapp 750 Höhenmeter in den Beinen. Ich fühle mich beflügelt, die Beine sind nach wie vor auf Ballern eingestellt und das Lied auf meinen Ohren treibt mir bei jedem Chorus ein richtig fettes Grinsen aufs Gesicht. Wir sind übrigens inzwischen auf der Strecke, die auch die Ultras laufen, doch bisher ist mir erst einer der Athleten über den Weg gelaufen was bedeuten muss, dass ich relativ weit vorne bin. Doch um Platzierung mache ich mir jetzt keine Sorgen, ich genieße einfach, dass es so gut läuft.

‚Till I collapse

Der Forstweg steigt leicht an – ich laufe immer noch – und mündet schließlich erneut in einen Trail, der bergauf führt. Der zweite lange Anstieg zum Osser steht an. Diesmal schlage ich den Vorschlag des lieben Eminem aus, der aktuell auf meiner Playlist läuft, und verfalle von Anfang an in einen rasanten Wanderschritt. Zu steil und zu technisch. Dennoch ist der langsame Beat genau passend für meinen Schritt und so hieve ich meinen Körper von Wurzel zu Wurzel und von Stein zu Stein. Nun merke ich auch langsam, dass meine Oberschenkel nicht mehr ganz so frisch sind und ich nehme wieder ein klein wenig Tempo raus, so dass auch mein Puls wieder auf ein angenehmes Level kommt. Die Stufen werden teilweise ganz schön steil und mein Blick wandert häufig auf die Höhenmeteranzeige meiner Uhr, die sich kontinuierlich in Richtung 1200er-Marke bewegt. Nach einem nicht unanstrengenden, langen Anstieg erreiche ich schließlich den VP2, wo Flo schon auf mich wartet und mir die GoPro ins Gesicht hält – schön das Leiden auch auf Film festhalten! Danach hilft er mir aber gleich beim Auffüllen meiner Wasserflasche und er reicht mir einen Becher Cola, den ich gierig hinunterschlucke. Eine Wohltat bei der Hitze. Er faselt irgendwas von Top 25, aber ich höre das gar nicht so richtig und halte es eher für einen Witz. Dennoch verliere ich wenig Zeit, drücke mir noch ein Gel rein und mache mich an den Abstieg – zumindest denke ich das.

UTLW Osser Riese (c) foxletics.com

Lange nicht getanzt

Erstmal geht es aber über einen flachen Trail über die wunderschönen Osser Wiesen, auf denen zahlreiche Wanderer unterwegs sind. Die abgestorbenen Bäume geben dem weitläufigen Areal ein ganz besonderes Aussehen, wie man es nur selten zu sehen bekommt. Es geht wieder in den Wald und ich folge weiter den gelben Markierungen, die überall am Boden verteilt sind. Als plötzlich ein Pfeil nach links zeigt und ich ein kurzes Kletterseil sehe bin ich kurz verwirrt. Downhill? Wo zur Hölle bist du? Ah, da war doch noch irgendwas von wegen Tromsö-Abschnitt. Hier haben sich die Veranstalter ein ganz besonders „schönes“ Stückchen ausgesucht, bei dem es nochmal richtig kraxelig wird. Nach dem ich den Felsen erklommen habe, geht es los. „Ich bin am glühn, mein Körper voll Dopamin“ – stimmt der Sänger der Band Perdu an. Glühen ist richtig, vor allem meine Oberschenkel. Auf sowas war nicht wirklich vorbereitet. Meine Beine auch nicht. „Lange nicht getanzt“, schallt der Chorus durch meine Ohren. Und tanzen muss ich. Denn der folgende Trail, der unter dem Namen „Promised Land“ präsentiert wird, verläuft so ziemlich in jede Richtung die man sich denken kann. Hoch, runter, links, rechts und dann auch noch Wurzeln und Steine. Genial, aber auch genial anstrengend.

Der Druck steigt

Mein Blick wandert auf die Uhr. Noch etwa 3 km und der Timer steht bei 2:45 h. Wird das doch noch was mit dem Sub3? Als hätte er es gehört, schreit mir Casper „Der Druck steigt“ ins Ohr. Und ja, ich muss zugeben, ich hätte schon Bock auf ne gute Zeit. Also nochmal zusammenreisen – der Holy Trail steht an. Ich mache Druck, die Beine sind müde, müssen aber voran. Ich schaue immer wieder nervös auf die Uhr… Los, los. Es ist nicht einfach noch die Balance zu haltern. Das hohe Tempo fordert inzwischen seinen Tribut. Aber so kurz vor dem Ziel muss ich einfach beißen… beißen, beißen, beißen! Nochmal nass machen, denn die Schwüle und der hohe Puls setzen mir zu. Noch eineinhalb Kilometer…

UTLW Osser Riese (c) foxletics.com

8 km/h

…und die Uhr zeigt 2:50 h und ein paar Sekunden. Ich brech‘ ab, das wird knapp. Ein Feldweg. Bergab. Ok, Hangabtriebskraft, du bist wieder dran. Ich hebe nur noch die Füße und rase was das Zeug hält. Die Pace zeigt zeitweise sogar eine 3 an erster Stelle. Ich werde überholt. Egal, ich bin momentan mit mir selbst beschäftigt. Ein Kilometer, 2:53 h. Ok, läuft. Müsste passen. Müsste. Ich sehe den roten Teppich und in meinen Ohren ertönt Cro und rapt „Ich komm‘ in die deine Stadt mit 8 km/h“. Noch ein paar wenige Meter und zack – die Ziellinie. Ich stoppe die Uhr und schaue: 2:57:42 Sekunden. Genial. Fantastisch. Bombastisch. Ich bin ein wenig ungläubig und schaue mich um. Auf dem offiziellen Zeitmesser ist es gerade kurz vor 14 Uhr. Das sollte also tatsächlich gepasst haben. Ich aktiviere nochmal das Protokoll meiner Uhr. Tatsächlich kein Scherz. Die Durchschnittgeschwindigkeit: 8 km/h. Hat er doch recht gehabt, der Rapper mit der Pandamaske.

Jetzt mache ich mich über das üppige Buffet her, dass wirklich keine Wünsche offen lässt. Jeder Kuchen schmeckt so gut wie der vorherige und ich muss wirklich an mich halten, dass ich mir den Wanst nicht total vollstopfe. Jetzt habe ich aber erstmal genug Zeit, die zahlreiche Bekannten in Empfang zu nehmen, die nach und nach im Ziel ankommen.

Wie sich herausgestellt hat, war die Ummeldung auf den kürzeren Osser Riesen ein echter Glückgriff. Den Ultra hätte ich vielleicht finishen können, dabei wäre aber kein so tolles Ergebnis rausgesprungen. Übrigens sollte sich Flos Prognose bewahrheiten. Ich erreiche das Ziel als 25. von 230 Finishern und lande auf Platz 6 meiner Altersklasse. So ein Resultat, bei so einem Wettkampf – das hatte ich bisher auch noch nicht. Letztlich war der Ultra Trail Lamer Winkel, bzw. der Osser Riese ein genialer Wettkampf, mit einer guten Organisation und einer großartigen Strecke – lediglich das Kraxel-Stück hätte für meinen Geschmack draußen bleiben können, da ich doch lieber laufe. Aber über Geschmack lässt sich ja bekanntlich gut streiten. Lam, du siehst mich nächstes Jahr auf jeden Fall wieder. Wie siehts mit euch aus?

Ballernde Grüße,

Euer Fuchs!

Jörn

Jörn

... mag Kuchen, treibt liebend gerne Ausdauersport und ist vor allem im Triathlon beheimatet. Hat Ernährungswissenschaften studiert und ist das schlechteste Vorbild, wenn es um Essen geht. Und sonst: Berge, Trails, Schnee.
Jörn

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16 Comments

  1. Steve sagt:

    Yes, fett gerockt das Ding!
    Herzlichen Glückwunsch zur Top-Platzierung

    Cool, wie da die Musik aufeinander passt. Diese portablen Musik-Abspieler haben echt eine künstliche Intelligenz.

    Ich pausiere momentan mit der Musik auf dem Trail und finde es auch mal sehr angenehm ohne unterwegs zu sein.

    Viele Grüße aus Bad Reichenhall und gute Regeneration

    Steve

    P.S.: Danke für den Link

  2. Sascha sagt:

    Sauber gerockt! Glückwunsch, war die richtige Entscheidung zu kürzen. Das gibt Auftrieb für den Rest der Saison!

    Gruß
    Sascha

    • Fox sagt:

      Ganz genau so sehe ich das auch – und ich glaube ich kann heute auch schon wieder laufen gehen 😛 Zumindest locker…

  3. Martin sagt:

    Yeah, gratuliere! Liest sich superspannend und der Soundtrack dazu ist perfekt 🙂

  4. Sebastian sagt:

    Herzlichen Glückwunsch zur starken Zeit und Deinem hervorragenden Musikgeschmack. 🙂 Mit der Playlist könnte ich auch gut laufen. Aber, obwohl ich beim Training wirklich immer Musik höre, verzichte ich bei Wettbewerben meist drauf. Samstag hatte ich den iPod mini zwar im Rucksack als Option für schwere letzte Kilometer, hatte dann aber gar kein Verlangen, Musik zu hören.

    • Fox sagt:

      Hab ich früher auch so gehandhabt. Seit mich die Musik mal durch nen Ultra gebracht hat, hab ich sie meistens dabei. Aber du muss jeder seine eigene Taktik finden 🙂

  5. Christiane sagt:

    Liest sich nach „Oh yeah!“
    Glückwunsch!!! 🙂

  6. Michael sagt:

    Schade das du „nur“ den Osser gelaufen bist. Sebastian und ich wären über weitere Mitläufer (zumindest am Anfang)froh gewesen. War aber bestimmt die richtige Entscheidung von dir. Glückwunsch zu deiner Platzierung übrigens noch.
    Wer es mag mit Musik zu laufen soll das tun. Ich persönlich freue mich immer über Vogelgezwitscher, das Rauschen der Bäume usw. in dieser lauten hektischen Welt. Ich wünsche dir das es nächstes Jahr mal klappt mit dem „König vom Bayerwald“. Ich fühle mich jedenfalls so, auch wenn ich mich zwischendrin gefragt habe -Laufveranstaltung mit Wanderanteil oder Wanderung mit Laufanteil. Egal, es war wunderschön und mein erster Ultratrail, der mir sicher noch sehr lange in Erinnerung bleiben wird.

    • Fox sagt:

      Hi Michael 🙂 für nächstes Jahr habe ich mir den langen mal grob vorgeplant. War sinnvoller, den kurzen zu laufen dieses Jahr. Klar, das mit der Musik ist ne ganz individuelle Sache. Wenn ich das passende Lied auf den Ohren habt, macht einfach alles gleich doppelt Spaß 🙂

  7. Florian sagt:

    Lieber Fox,
    Du hast zufällig ein Foto von mir beim UTLW geschossen. Darf ich das Foto verwenden?

    Lg, trailneuling Flo

  8. Fahnie sagt:

    Glückwunsch zu der tollen Leistung. Und auf die Klettereinlage hätte ich auch gerne verzichtet.

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